Bellen, Belting und Belcanto - Was tut der Stimme gut?
Kurzer Überblick über diese Gesangstechniken von Dr. Karin Wettig
Was ist gesund ist für die Singstimme und die Sprechstimme?
Eigentlich ist die Entscheidung ganz einfach! Was dem Sänger und der Sängerin bzw. der Stimme guttut, ist gesund! Was die Stimme quält oder belastet ist schädlich! Wenn das so einfach wäre, das eine vom anderen zu unterscheiden, gäbe es keinen Streit unter den Fachleuten. Hier will ich nun die Meinungen einmal an praktischen Beispielen unter die Lupe nehmen und zu einem praktischen Ergebnis kommen, dass den meisten Sängern einen guten Weg zu ihrer gesunden Stimme öffnet.
BELTING - Story und Definition
Der Begriff "BELTING" kommt aus dem amerikanischen Musical der 30er Jahre und entstand eigentlich in der schwarzen Jazzmusik aus der Singtradition der amerikanischen Sklaven. Belting heißt wirklich Bellen und klingt auch ähnlich, da hier das Brustregister der Stimme über die normale Dimension in die Höhe geführt wird. Die schwarzen Jazzsänger nutzten nicht nur das Rhythmusgefühl ihrer afrikanischen Heimat, sondern auch alle natürlich-erotischen Klänge der menschlichen Stimme - Hauchen, Stöhnen, Schreien oder eben aggressives Bellen wie Belting. In ihren Stimmen kamen die Unterdrückung und das Recht auf Freiheit zum Ausdruck. Davon abgesehen sangen sie oft bei der Arbeit auf dem Feld und natürlich ohne Mikrofon. Das Belting ist daher auch ein emotional sehr berührender und mitreißend metallischer Klang, der für die afrikanischen Völker typisch ist . Beim Belting werden die Stimmlippen einfach stärker zusammengepresst und gleichzeitig die Stimmlippen verkürzt, sodaß ein heller, bellender Ton entsteht. Jeder Mensch kann das genau wie der Hund machen.
My Story mit Belcanto
Meine persönliche Stimme war nach der Scheidung
so zerbrochen, dass ich nur entweder flüstern oder belten, sprich bellen
konnte in meiner normalen Sprechlage. Kurzum der gesamte Sprechapparat,
die Zunge, die Kiefergelenke, die Körperhaltung, alles war so
verkrampft, dass nichts so richtig ging. Trotzdem hatte ich irgendwie
schon immer eine schöne Gesangsstimme und diese war letzten Endes nach
einem großen Abenteuer über diverse Gesanglehrer, Opernsänger,
Stimmtrainer und deren wilde Methoden, meine Rettung. Mit klassisch
italienischer Gesangstechnik reparierte ich selber meine Stimme und fand
dabei alle unterschiedlichen Stimm- Mechanismen heraus.
BELTING versus BELCANTO
Nehmen wir jetzt einmal als Paradebeispiel für das Gegenteil, nämlich klassisches italienisches Singen im Opernstil Enrico Caruso als Beispiel, um die Unterschiede zu zeigen. Im klassischen Gesang werden alle Stimmwerkzeuge in harmonischem Zusammenspiel benutzt. Das Wichtigste ist dabei, dass die Zunge und Kiefergelenke völlig entspannt bleiben und der Kehlkopf nicht aus seiner natürlichen Position nach oben geschoben wird. Gleichzeitig werden alle Resonanzräume des Kopfes wie die Nebenhöhlen, Stirn, Mund, Gaumen, Nacken, die Brustresonanz hinter dem Brustbein und sogar die Knochenleitung über den Singknochen im Kopf ausgenutzt, wenn die Körperhaltung entsprechend aufgerichtet ist und das Zwerchfell wie ein Trampolin zwischen den Rippen gut gespannt ist. So entsteht die warme, vollklingenden Opernstimme, die über 3 Oktaven umfasst und keine Bruchstellen aufweist von der Tiefe zur Höhe.
Enrico Caruso hatte diese samtweiche Stimme und konnte trotzdem in der Höhe mit Falsett den typisch metallischen Tenorklang erzeugen, der die Herzen aller Opernbesucher, vor allem der Damen schmelzen ließ. Nun kommt die Überraschung: zwar war Caruso der berühmteste Tenor seit 1900 und weltbekannt, aber auch er hatte wie viele Heldentenöre keine 100 % gesunde Stimme, denn er ist im späteren Leben wegen Stimmbandknötchen operiert worden. Diese Knötchen auf den Stimmbändern entstehen durch starke Reibung beim Glottisschluss. Der Glottis-Verschluss ist aber nötig, um überhaupt einen hörbaren Ton zu erzeugen. Wenn durch die Glottis zuviel Luft gepresst wird, also einfach mehr Luft, als die minimale Luft, die notwendig ist, um eine Klangschwingung zu erzeugen, dann reagiert der Stimmapparat mit Abnutzungserscheinungen wie Knötchen und Heiserkeit. Das ist so als würde man Hornhaut auf der Stimme bekommen und dann kann die Stimme nicht mehr korrekt schließen und die winzige Öffnung in der Mitte oder vorn erzeugen, durch die ein gesunder Klangstrahl wie ein Laserbeam fließt.
BELTING und BELCANTO mit gesunder Stimmfunktion
Grundsätzlich ist also Belting gar nicht so weit weg von Belcanto, eigentlich sind beide Geschwister, denn alle Heldentenöre nutzen Belting, um ihre ungewöhnlich lauten hohen Töne zu erreichen. Ein metallischer Stimmklang kann auch sehr gut mit einem Druck der Zunge auf die Kehle erreicht werden. Das machen manche Tenöre, um ihre Stimme zu mehr Lautstärke zu forcieren und enden dann mit einem sogenannten Tenorknödel. Der Tenorknödel ist aber leider nicht auf Tenöre beschränkt, sondern kommt bei allen angespannten Stimmen vor. Davon konnte ich selber ein Lied singen, wie man so schön sagt. Erst wenn die Zunge ganz locker ist in ihrer gesamten Länge und Breite, kann sich die Stimme befreuen. Um die Stimme möglichst gesund und so natürlich wie möglich zu produzieren, ist die klassisch italienische Gesangstechnik sehr geeignet. Sie entspannt die Stimmlippen und alle am Singen beteiligten Muskeln um Kopf, Hals und Kehle herum, indem die Muskelarbeit auf das Zwerchfell, den Beckenboden, den Pyramidenmuskel über dem Schambein und den Atemvorgang verlegt wird. Die Stimmlippen werden so trainiert, dass sie nur den notwendigen Druck und die notwendige Länge erzeugen, um den gewünschten warmen und runden Gesangston zu erzeugen. Wie macht man das? Wer gut singen will, muss die Atmungsmuskulatur und das Zwerchfell trainieren und lernen, alle Anspannungen aus der Zunge und den Kiefermuskeln loszulassen. Da das oft Kindheitsgewohnheiten sind, dauert es manchmal ein wenig, bis das klappt.Gesunder Glottis-Verschluss - gesunde Stimmbänder
Der Glottis- oder Stimmbandverschluss wird im klassischen Gesangsunterricht als sogenanntes Paukentönchen zunächst stimmlos, dann später mit Stimmklang trainiert, um diese Funktion möglichst ohne zuviel Reibung und unabhängig von der Tonhöhe ausführen zu können. Es würde zu weit führen, das hier alles demonstrieren zu wollen. Das gehört in den Unterricht. Wichtig ist nur, dass Sänger ein Gefühl dafür bekommen, was für die Stimme natürlich ist und, was zuviel Anstrengung verursacht und daher schadet. Ein guter Gesanglehrer hört das sehr schnell mit trainiertem Ohr heraus und sogar die Laien hören sofort, ob die singende Person aus ihrem gesunden Wohlbefinden heraus singt, oder eine angestrengte Stimme erklingt. Das mag das Publikum nämlich gar nicht. Die Ausnahme sind Sänger, die von Natur aus heisere Stimmen, d.h. eine zu große Stimmlippenöffnung haben. Für sie ist der Klang normal und auch das spürt das Publikum. Es gehört dann zum Charakter des Sängers und seiner Musik, so wirkt er authentisch. Es geht hier nicht darum, Musikstile als gut oder schlecht oder gesund und krank darzustellen, sondern die authentische Stimme und das authentische Potential einer Stimme zu erkennen.Tonhöhe und Stimmpower gesund trainieren ohne Anstrengung - die Micky Maus Übung für die gesunde Stimme
Da ich gelegentlich auch gern das Bauchreden benutze, weil es einem die Möglichkeit gibt, ganz andere Stimmpersonen in seiner eigenen Stimme zu entdecken, als die gewöhnlichen, bin ich dadurch auf eine gute Übung für die Singstimme gekommen, die das mühelose Erreichen aller hohen Töne fördert. Die Micky Maus Übung. Ich mache es hier kurz vor, indem ich einfach in eine wesentlich höhere Sprechlage gehe und dabei meine Kehle, den Kiefer und die Zunge besonders bewusst entspanne..... das klingt dann so verrückt, wie ihr das auf dem Video dann hören könnt.....-
Wenn ich zusätzlich zu dieser Art des Sprechens meine Lippen weitgehend locker geschlossen lasse und die Oberlippe mit zwei Fingern ein wenig nach vorn zur Nase hin ziehe, kommt der Ton ganz nach vorn in die oberen Resonanzräume. Manchen Männern mit tiefer Stimme wird das ein wenig "schwul" vorkommen. Bei Frauen wird es eher girlie oder kleinmädchenhaft klingen. Lach' einfach darüber, wenn Du lachen musst, doch bei der nächsten Chor-, Gospel- oder Musicalprobe oder einem Auftritt, wirst Du Dich wundern, was da an müheloser Lautstärke und Resonanz mehr herauskommt. Mach' die Probe aufs Exempel! Wer ein Koloratursopran ist, wird sich bestimmt wundern, dass plötzlich die Königin der Nacht mit dem leidigen, gefürchteten hohen F sogar mühelos funktioniert.
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